Von der Jugend für…: „Der Geist Zeit“

Der Geist Zeit

Die Zeit hat keinen Geist, sie selbst ist der Geist.

Der Geist der Zeit, der ständig hinter unserem Rücken lauert, uns hetzt, auf Trab hält.

Der Zeitgeist, welcher jedem, der auch nur ein winziges Bisschen erwachsen ist, der größte, wenn auch oft unbewusste Schrecken ist.

Der Geist, den Kinder nicht fürchten, weil sie ihn nicht in seinem wahren Antlitz kennen.

 

Jeder, der mich ein bisschen näher kennt, weiß, wie sehr ich mit dem Thema der Zeit gehadert habe. Die letzten drei Jahre begleitete es mich fast jeden Tag, das alte Gespenst, welches es sich längst in unseren Köpfen gemütlich gemacht hat. Regelmäßig suchte es mich heim, ließ mich kein Auge zutun, verhagelte mir unzählige Tage. Nun ist für mich die Zeit gekommen, mit der Zeit abzurechnen, ihr ihren Schrecken zu nehmen, denn ich, ja vielleicht wir sollten keine Angst vor dem haben, was uns doch allzu oft heimsucht.

Zeit, was ist dieses Groteske eigentlich? Eine Ziffer, welche zeigt, wie spät es ist, wann wir etwas tun sollen? Ein Takt, welcher uns vorgibt, wie schnell oder wie langsam wir zu leben haben? Eine unsichtbare Kraft, vor der wir Angst haben, der wir uns unterwerfen sollten?

Zeit ist vor allem eines. Von uns selbst geschaffen.

Irgendwann hat sich die Menschheit darauf geeinigt, dass ein Tag 24 Stunden, eine Stunde 60 Minuten, eine Minute 60 Sekunden und so weiter hat. Eigentlich ganz gut gemeint, denn die Zeit wurde geschaffen, um den Tag besser strukturieren zu können. Doch zur selben Zeit begann in den Menschen ein Takt zu schlagen, unnachgiebig tickend, erst leise, irgendwann immer lauter schlagend, ein regelmäßiges Pochen im Kopf, doch niemand hörte es, denn niemand wollte es hören.

Und auch heute fluchen wir darüber, wie wenig Zeit wir doch haben, dass uns die Zeit wegrennt, wir rennen von Deadline zu Deadline, gehetzt von dem Phantom in unserem Nacken, welches uns verfolgt, immer hinter uns her ist, egal wie schnell wir rennen. „Du hast keine Zeit“, haucht es wispernd in unsere Ohren und wir glauben ihm. Dabei vergessen wir, dass das, wovor wir Angst haben, nichts anderes ist als unsere Schöpfung, welche nur darum überlebt, weil wir an sie glauben. Wir haben vergessen, dass sie etwas Harmloses ist, haben sie außer Kontrolle gelassen, nicht hingeblickt, als sie zu etwas Monströsem anwuchs, wir sahen hin, als es zu spät war. Die Konsequenzen sind für uns verheerend. Burnouts, Depressionen, Midlifecrisis und wie sie alle heißen suchen immer häufiger den „modernen, fortschrittlichen“ Menschen heim, als den wir uns doch nur allzu gern hinstellen. Und wir wehren uns nicht. Wir werden immer moderner, machen immer schneller, um Zeit zu sparen, das graue Hirngespinst sitzt uns im Nacken, die „grauen Herren“ gehen bei uns ein und aus. Irgendwann gibt es aller halben Jahre das neue iPhone, nicht viel später schon jeden Monat. Immer moderner, immer vernetzter, immer mehr Bildschirm, immer weniger Pixel, beim Foodblogger wird das Essen kalt, weil er erstmal das perfekte Bild für Instagram, Facebook, Snapchat und Co. machen muss. Das nennen wir modern, dass ist cool, jeden Tag ein neuer Trend, Hauptsache viral, in ein paar Tagen schon wieder Geschichte. Was nicht im Trend ist, ist nicht gut genug für die Masse, denn die braucht Massenware.

Das ist unser Werk. Dazu treibt uns der Zeitgeist. Die älteren Generationen, wenn sie unseren „Spaß“ überhaupt noch mitmachen, schütteln den Kopf über unser Verhalten. Manche von ihnen sind zu langsam, um noch mitzukommen, viele wollen einfach nur ihre Ruhe, denn unser Takt ist schneller als ihrer. „Aus dem Takt ist aus dem Sinn“, schreien wir und vergessen die alten Werte, alte Werke lesen fällt uns immer schwerer, denn sie sind langsamer, haben einen anderen Takt und Rhythmus.

Sieht man genauer hin, erkennt man, dass das eigentliche Problem wir sind. Wir wollen immer mehr, immer schneller und so effizient wie nur möglich. Was wir wollen, bekommen wir, doch alles hat seinen Preis. Der Mensch verschwimmt immer mehr, Individualität war gestern, die Masse ist heute. Hauptsache Leistung, wer diese nicht bringt, wird ausgemustert, nützt ja schließlich nichts mehr.

Nur wir können das ändern, denn wir sind der Herr der Zei, nicht sie unser. Wir müssen anhalten, langsamer werden, die Langsamkeit zulassen, sie genießen. Nur wenn wir innehalten, uns umsehen auf unsere Umwelt gezielt eingehen, die Individualität fördern, zum Maßstab erheben, nein zum Grundsatz machen und jeden Menschen nach seinem eigenen Takt leben lassen, können wir furchtlos mit der Zeit umgehen. Es hilft viel, sich einmal Zeit zu nehmen, nicht immer zu sagen „Ich habe keine Zeit“, denn wir haben Zeit, benutzen sie bloß für etwas anderes, denn wir wollen, können oder dürfen uns aus welchen Gründen auch immer keine Zeit nehmen. Anstatt uns zu beklagen, sollten wir aktiv dagegen vorgehen, denn die Zeit gehört jedem selbst, man muss sie nur zurückerobern. Verjagt die „grauen Herren“ aus euren Köpfen, aus den Köpfen derer, die euch wichtig sind. Nehmt euch wieder einmal Zeit, denn ihr besitzt diese Zeit.

Erst wenn wir das wieder tun, kann die Zeit wieder so fantastisch sein, ist kein Gespenst mehr.

Stellt euch vor, die ganze Zeit würde auf einmal geschehen, jeder Moment eures Lebens wäre um euch herum ausgebreitet wie eine Stadt. Straßen voller Häuser, die aus Tagen gemacht sind: Der Tag, an dem ihr geboren wurdet, der, an dem ihr sterbt, der Tag, an dem ihr euch verliebt und der, an dem diese Liebe endet.

Eine ganze Stadt, gebaut aus Triumph und Liebeskummer und Langeweile und Gelächter und sinnlosen Tätigkeiten; sie ist der schönste Ort, den ihr jemals sehen werdet.

Zeit ist ein Gefüge, das von uns selbst abhängt. Zeit ist der Raum, den unsere Leben schaffen, wo wir für immer zusammenstehen.

Erst, wenn wir wieder Herr unserer Zeit geworden sind, können wir mit aufgerissenen, erstaunten, bewundernden Augen auf sie blicken.

Haltet an. Haltet für einen Moment inne. Genießt den Augenblick. Schaut genau hin, und ihr werdet in einem Staubkorn Wunder erblicken, denn die Zeit ist zu eurem Freund geworden.

 

Text: Franz Uhlmann

Grafik: Janine Müller

 

*Anmerkung: Der vorletzte Abschnitt des Textes ist aus einer Rede des Doktors aus der SiFi-Serie Doctor Who inspiriert. (Staffel 10 Folge 1)

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