Von der Jugend für…:: „Revolution!“

Revolution!

Revolution. Wenn ich diesen Begriff höre, habe ich ein ziemlich konkretes Bild in meinem Kopf. Menschenmassen, die alle in eine Richtung strömen, bereit, jeden Widerstand einfach mit sich zu reißen. Unaufhaltsam. Wahrscheinlich denken einige bei diesem doch sehr behafteten Wort auch an bestimmte Ereignisse, wie etwa die Französische Revolution, die wir alle in der Schule behandelt und uns mehr oder weniger eingeprägt haben.
Ich bin mir auf jeden Fall sicher, dass die meisten Menschen in meinem Alter mit Revolutionen etwas verbinden, das sich eher in unseren Geschichtsbüchern als in der Realität abspielt. Wahrscheinlich bewerten wir sie unterbewusst sogar als „Dinge der Vergangenheit“, über die wir zwar lernen, die aber sonst in unserem Leben außerhalb der Schule keine große Rolle spielen. In unserer Gesellschaft erscheinen uns Revolutionen unvorstellbar, und auch wenn tatsächlich fast jeder mit dem System irgendwie unzufrieden ist, sind die wenigsten bereit, aktiv etwas dagegen zu unternehmen und sich mit bestimmten Problemen zu beschäftigen. Vielmehr entwickeln sich Gleichgültigkeit und Desinteresse zur allgemeinen Grundhaltung, und viele Probleme und Kritiken werden vorschnell mit dem weitverbreiteten „Argument“ „Man kann doch sowieso nichts ändern!“ abgetan.
Der Revolutionsgedanke, von dem Geschichtslehrer und ältere Menschen oft mit einem Leuchten in den Augen sprechen, ist uns irgendwie fremd, und wir können diese Ideen nicht wirklich zu unseren eigenen machen.

Ganz klar: Uns fehlt das praktische Verständnis für diese so grundlegende und nachhaltige Gesellschaftsveränderung, die eine Revolution doch ist. Und obwohl wir in Deutschland – die „Wende“ 1989 und die daraus entstehende Einheit Deutschlands gingen auch international als „friedliche Revolution“ in die Geschichte ein – auf viele, revolutionäre Gesellschaftsumbrüche zurückblicken können, hat sich scheinbar etwas an unserem Umgang mit Missständen und Problemen in der Gesellschaft verändert. Obwohl wir uns über einige Komponenten unserer Gesellschaftsordnung stark aufregen, sind wir nicht mehr so schnell dazu bereit, für diese auf die Straße zu gehen und zu protestieren, ganz einfach weil wir an dem tatsächlichen Erfolg von solchen „radikalen“ Methoden zweifeln. Aber ist es wirklich wahr, dass das Ausdrücken des eigenen Protestes in unserer heutigen Gesellschaft zu nichts mehr führt? Haben wir tatsächlich keinen Einfluss mehr, oder ist es eher unsere Wahrnehmung, die sich diesbezüglich verändert hat?

Generell vertrete ich die Einstellung, dass wir Menschen nicht mit einer bestimmten, wie etwa hier resignierten und desinteressierten Grundhaltung auf die Welt kommen. Es ist vielmehr unser Gesellschaftssystem und unser Umfeld, welches uns beeinflusst und uns schlussendlich zu den Menschen macht, die wir heute sind. Tatsächlich glaube ich, dass bestimmte Grundhaltungen vor allem auf unsere Erziehung als auch auf die Medien zurückgeführt werden können, da wir mit diesen Faktoren sehr häufig in Kontakt kommen und sie uns dementsprechend prägen. Sie vermitteln uns bestimmte Weltbilder und Wertvorstellungen, welche wir (vor-)schnell zu unseren eigenen machen. Ein Beispiel dafür: Die Nachrichten. Im besten Fall informiert sich jeder von uns einmal am Tag durch Radio- oder Fernsehnachrichten darüber, was in der Welt heute so passiert ist. Hört man diesen Meldungen einmal aufmerksam zu, so stellt man fest, dass der Großteil der berichteten Dinge eher negativ behaftet ist – Einbrüche, Gewalt, Straftaten, Anschläge…- da bekommt man schnell das Bild vermittelt, die meisten Menschen seien schlecht – und da dies jeden Tag aufs Neue so passiert, entwickelt man auch die Einstellung, man könne nichts daran ändern.

Dies ist nur eines von so vielen Beispielen, welches das allgemeine Desinteresse unserer Gesellschaft erklärt. Wie soll man schon etwas ändern können? Es gibt ja schließlich immer irgendjemanden, der sich nicht an die Vereinbarungen oder Gesetze hält, weswegen wir nie etwas erreichen können.
Dass diese (nicht wirklich stichhaltige) Argumentation ernsthafte Konsequenzen hat, haben wir wahrscheinlich inzwischen alle mitbekommen: Phänomene wie die Wahl von Donald Trump zum Präsidenten der Vereinigten Staaten von Amerika und auch der „Brexit“ oder die Wahl der AFD zur stärksten Partei in ganz Sachsen sind nicht zuletzt darauf zurückzuführen, dass viele Menschen an bestimmten Wahlen oder Abstimmungen einfach nicht teilgenommen haben, aus der Überzeugung heraus, dass ihre Stimme sowieso nichts verändern wird. Diese Einstellung kann besonders populistischen und extremistischen Minderheiten eine größere Stimme geben, als ihnen eigentlich zusteht, ganz einfach weil die ausgleichende Kraft es nicht für nötig hält, ihre Stimme abzugeben.

Dabei ist es besonders jetzt mehr als nur notwendig, dass wir als Gesellschaft zusammen etwas gegen die drängendsten Probleme unserer Zeit unternehmen: Während wir uns, unzufrieden und desillusioniert, mit dem bloßen Beschweren über die derzeitigen Zustände begnügen, nimmt der Rechtspopulismus nicht bloß in unserem Land, sondern in ganz Europa und weit darüber hinaus verheerend zu. Der Klimawandel scheint akzeptierte Sache zu sein, und dagegen können anscheinend auch Abkommen mit unkonkreten Zielen nichts mehr ändern. Nicht zuletzt gewinnt man den Eindruck, Hauptmotivationen des allgemeinen Handelns sind eher der eigene Profit und individueller Erfolg, und zwar nicht selten auf Kosten anderer.
Bei all diesen Missständen hat man natürlich das Gefühl, dass die eigene Stimme wenig gegen solch globale und komplexe Probleme ausrichten kann. Das Ganze scheint unaufhaltsam zu sein, und dementsprechend entwickelt man eine gewisse Gleichgültigkeit, welche eigentlich jedoch so gefährlich ist. Schließlich lastet auf unseren Schultern als die „nächste Generation“ eine sehr große Erwartungshaltung, da wir mit vielen Problemen, die von vorigen Generationen ins Rollen gebracht wurden, konfrontiert werden und eine Lösung für sie finden müssen. Da diese Verantwortung oftmals relativ überwältigend sein kann, scheint die gleichgültige Ablehnung von ebenjener der wohl angenehmste und einfachste Weg aus ihr heraus zu sein.

Jedoch gibt es einen klitzekleinen Haken an dieser Grundhaltung: Was, wenn all so denken? Was, wenn sich Desinteresse immer mehr zur Norm und zum Mainstream entwickelt? Und was, wenn dementsprechend niemand etwas gegen die drängendsten Probleme unserer Zeit unternimmt?
Tatsache ist doch, dass bestehende Missstände nur durch uns gelöst werden können, und zwar mit unserer Stimme, indem wir für bestimmte Werte einstehen und auch lernen, diese vor anderen zu vertreten. Erst dann, wenn man als Gemeinschaft bereit ist, zusammen etwas zu verändern, kann man auch wirklich etwas erreichen. Und genau hier setzt auch der Revolutionsgedanke an: Die Idee, gemeinsam mit Gleichgesinnten etwas an den bestehenden Zuständen zu ändern, seiner eigenen Stimme Gehör zu verschaffen und sich nicht mehr bloß resigniert zurückzulehnen. Tatsächlich ist dieser Gedanke uns viel näher, als wir es erst meinten, und die derzeitigen Umstände erfordern mehr denn je ein Umdenken in unserer Gesellschaft.
Dabei ist es natürlich nicht notwendig, die eigenen Ideen mit Gewalt durchzusetzen. Auch und vor allem auf friedlichem Wege, durch das Informieren anderer und das aktive Teilnehmen am Politikgeschehen ist es möglich, einen Beitrag zum allgemeinen Umdenken zu leisten und somit tatsächlich einen Wandel in unserer Gesellschaft zu erreichen. Denn: „Es ist nicht Deine Schuld, dass die Welt ist wie sie ist, es wär‘ nur Deine Schuld, wenn sie so bleibt.“ (Die Ärzte).

Text: Lena Heckel

Grafik: Janin Müller

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