Von der Jugend für…:: Grunge-Style – Was Kurt Cobain uns sagen würde…

Grunge-Style  –  Was Kurt Cobain uns sagen würde…

Ausgebeulte Jeans, zerfetzte Strumpfhosen, Holzfällerhemden und viel zu große T-Shirts, dazu dunkle Haare oder silbergraue, mit viel Geduld und Haarspray zu Zöpfen oder Zwiebeln auf dem Kopf modelliert – diese Art von Mode hat die Grenzen des Netzwerks tumblr überschritten und wird nun von Jugendlichen als „Grunge-Style“ gefeiert.
Schlecht sieht es ja nicht aus (in den Augen der älteren Generation möglicherweise schon), aber wenn ich ein selbsternanntes „Grunge Girl“ im Nirvana-Shirt sehe, das den Namen „Kurt Cobain“ vom „Hören-Sagen“ kennt und nicht mal eine dunkle Ahnung hat was ich ihr mit „Nevermind“ sagen möchte, würde ich am liebsten heulen und ihr das Shirt wegnehmen – oder aber ein bisschen von den Urvätern der Grunge-Bewegung erzählen, von denen sie und ihre modischen Artgenossen sich weit, weit entfernt haben.
Grunge ist ein Ableger der Rockmusik, der Mitte der Achtziger in Seattle entstanden ist und seine Wurzeln in der Underground-Kultur, also dem Gegenpol des Mainstreams, hat. Das Album „Nevermind“ von Nirvana schlug 1991 ein wie eine Bombe und machte Seattle für die Rockwelt zu dem, „was Bethlehem für das Christentum ist“. (Spin, Ausgabe 12/1992)
Plötzlich fand die Grunge-Szene weltweite Anerkennung der Medien, die in einen monströsen Hype ausartete. Viele andere Rockstars fühlten sich in den Schatten gestellt und übten Kritik an der neuen Welle. Gene Simmons von Kiss (der mit dem schwarz-weißen Make-Up und der überlangen Zunge!) sagte im Interview mit Metal Hammer (10/2011): „Es gab keine Light Shows mehr, keine coolen Klamotten, keine Effekte. Die Musiker zogen sich an wie Penner.“
Tatsächlich konnte sich Kurt Cobain vor „Nevermind“s Welterfolg nur mit Mühe als Straßenmusiker über Wasser halten. Würden wir ihn fragen, welche Frisuren seiner Meinung nach der Grunge-Mode entsprächen, würde er – wenn überhaupt – antworten, dass er als Trendsetter mit genau der Frisur auf die Bühne tritt, mit der er am Morgen aufgestanden ist.
Leider können wir ihn nicht fragen. Der unglaubliche Ansturm und der Erfolg seiner Band schadeten seiner sensiblen Persönlichkeit, die er hinter dem Antlitz eines Rockstars als Sprachrohr der Generation verstecken musste. Im Alter von 27 Jahren jagte er sich eine Kugel in den Kopf, nachdem er in seinem Abschiedsbrief erklärt hatte: „Es ist besser auszubrennen als zu verblassen.“ Sein Tod setzt der unter dem Druck der Öffentlichkeit ohnehin schon bröckelnden Szene 1994 ein jähes, aufflammendes Ende.
Die Musiker des Grunge hinterließen der Welt ihr Erbe in Form von Platten wie „Nevermind“, „Ten“ oder „In Utero“. In ihnen liegt der Wert dieser Zeit und in vielerlei Hinsicht das Opfer Cobains, nicht in einem wiederauflebenden und zum Verblassen verurteilten Kleidungsstil.
Zu sagen, dass Grunge in einer Moderichtung weiterexistiert, ist wie zu sagen, die 68er-Bewegung finde wieder statt. Die 68er sind vorbei. Sie sind ein Teil der Geschichte, wie Grunge ein Teil der Musikgeschichte ist. Vielleicht wird es eines Tages eine ähnliche Bewegung geben – hoffentlich denken sich die Menschen dann einen neuen Namen aus.

Text: Lena Vogel

Grafik: Janin Müller

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