Gerechte Chancen – ein Privileg

Gerechte Chancenein Privileg

Alle Menschen haben gleiche Rechte – das sieht jeder mit einem gesunden Menschenverstand so. Daraus resultiert, dass jeder Mensch auch das Recht auf gleiche Chancen haben sollte, oder?

Das gilt in Deutschland leider nicht unbedingt.

Laut einer Studie der OECD gelingt nur jedem zehnten Kind aus einem bildungsfernen Milieu der Abschluss der Universität. Von allen 35 Mitgliedern der OECD schnitten dabei nur sechs Staaten schlechter als Deutschland ab. Eine Studie des Mannheimer Zentrums für europäische Sozialforschung fand heraus, dass Akademikerkinder eine sechsmal so hohe Chance haben zu studieren als Kinder aus anderen Schichten.

Diese beiden Studien sind zwei der vielen Untersuchungen, welche uns belegen: Die Chancen und somit auch der Erfolg eines Kindes im Bildungssystem hängen vor allem von Herkunft und dem Elternhaus ab.

Das bedeutet, dass das Kind von Nicht-Migranten Vorteile gegenüber einem Kind von Migranten hat, aber auch, dass das Kind eines Akademikers oder Beamten bessere Chancen hat, als ein Kind aus dem Proletariat.

Es steht schlecht um die Chancengleichheit in Deutschland, sprich die Möglichkeit, in unserem Bildungssystem nach eigenen Fähigkeiten und Bedürfnissen zu bestehen.

Schon von unserer Geburt an wurde sozusagen bestimmt, von welcher Linie aus wir ins Leben starten. Für manche von uns liegt diese leider weiter vom Ziel als für andere. Chancengleichheit bedeutet, diese Startbedingungen auszugleichen.

Die Differenzierung beginnt schon früh. Facharbeiterfamilien können ihrem Kind nicht viel außerhalb der kostenlosen staatlichen Bildung bieten. Das betrifft Sportangebote, Förderung musikalischer oder künstlerischer Fähigkeiten, Bildung im Ausland, Studiengebühren, das Erlernen zusätzlicher Fähigkeiten und Nachhilfe. Solche Nachtteile lassen sich auch schwer durch den guten Willen der Eltern oder außergewöhnlichen Ehrgeiz der Schüler ausgleichen.

Individuelle Nachhilfe ist ein Beispiel, um zur Leistungsverbesserung und demnach auch der Chancenverbesserung beizutragen. Der Preis für 60 Minuten liegt bei meiner Erfahrung als Nachhilfeschüler und Nachhilfelehrer bei 15 bis 20 Euro. Kinder, deren Eltern auf Hartz IV angewiesen sind, bekommen diese nur bewilligt, wenn die Versetzung gefährdet ist. Das betrifft ungefähr 2 Millionen Kinder. Auch für Arbeiterfamilien sind diese Kosten nicht selten zu hoch.

Diese Kinder ihrem Schicksal zu überlassen, ist sowohl moralisch fragwürdig, gegen  Artikel 3(3) des Grundgesetzes, als auch einfach unnötig.

Die skandinavischen Länder machen vor, wie man Chancengleichheit verbessern kann. Laut der Hans-Böckler-Stiftung hat beispielsweise ein Däne aus einer bildungsfernen Schicht eine viermal so hohe Chance auf höhere Bildung wie ein Deutscher in gleicher Lage.

Die Gründe dafür sind vielfältig. Der Abbau finanzieller Hindernisse im Bildungssystem, der massive Ausbau des Kita-Angebots oder eine frühe Emanzipation der Frau in die Arbeitswelt zur Bekämpfung der (Kinder-)Armut könnten da wohl geholfen haben.

Meiner Meinung nach ist wahre Gleichheit, wie auch immer man sie für sich definiert, im Kapitalismus schwer möglich. War das zu übertrieben?

Wir vergeuden Talent und kluge Köpfe. Das ist keine Übertreibung. Wir sehen uns gerne als progressives Land, ein Land, in dem jeder alles erreichen kann, wenn er nur hart genug arbeitet. Doch alle Fakten, Studien und Statistiken beweisen uns, dass das nicht stimmt. Vollkommen freie Entfaltung und eine gute, gerechte Chance ist in Deutschland ein Privileg der höheren Klassen.

Das ist nicht gehässig gemeint. Niemand soll sich schlecht fühlen, weil er privilegierter ist. Aber Chancengleichheit sollte kein Privileg sein.

Das Bildungssystem wird nie perfekt sein. Probleme wird es immer geben. Aber vieles, was gerade in unserem Bildungssystem missglückt, ist vermeidbar und würde sich durch Reformen und Investitionen vermeiden oder zumindest verbessern lassen.

Marleen

Grafik: Janin Müller

Quellen:

https://www.vodafone-stiftung.de/alle_publikationen.html?&tx_newsjson_pi1%5BshowUid%5D=38&cHash=a2bff1ca52a0f201ce52f726a6900a5d

https://www.bmbf.de/pub/Bildungsforschung_Band_34.pdf

http://www.spiegel.de/lebenundlernen/job/oecd-studie-nur-wenige-studenten-halten-bis-zum-abschluss-durch-a-1064253.html

http://www.rp-online.de/politik/deutschland/oecd-studie-es-gibt-kaum-aufstiegschancen-fuer-arme-aid-1.6262679

http://www.focus.de/familie/schule/bildungspolitik/deutschland-trippelt-nach-vorne-pisa-studie_id_1988970.html

http://www.sz-online.de/nachrichten/arbeiterkinder-haben-schlechte-studienchancen-1696302.html

https://www.uni-heidelberg.de/md/journal/2012/11/pressemappe_sozungleichheit.pdf

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