A :: wie Architektin

Esther Gerstenberg

Diplom-Ingenieurin für Architektur

Liebe Esther,

danke, dass Du uns heute Rede und Antwort zu Deinem Beruf stehst. Du bist also Architektin?

Hallo… und nein.

Ich bin Diplom-Ingenieurin für Architektur, darf mich aber noch nicht offiziell „Freie Architektin“ nennen – weil man dafür in der Architektenkammer sein muss. Das ist dann ein bisschen wie Arzt und Ärztekammer.

Tatsächlich? Wie kommt man in die Architektenkammer?

Man muss z.B. eine bestimmte Zeitdauer gearbeitet haben. Das ist von Bundesland zu Bundesland verschieden. In Sachsen sind es zwei Jahre.

Dazu müssen noch eine bestimmte Anzahl an Fortbildungen/ Weiterbildungen in der Architektenkammer absolviert werden und außerdem muss man noch alle 9 Leistungsphasen eines Architektentätigkeitsprofils durchlaufen haben.

Also ziemlich aufwändig… Bist du gerade dabei?

Nein, für mich ist es im Moment nicht relevant, diese Schritte zu gehen, da ich nicht selbstständig arbeite, sondern angestellt bin und sich an meinem Job auch als „freier Architekt“ nichts ändern würde.

Was machst Du denn? Wie sieht Deine Arbeit und Dein Arbeitstag aus?

Während der normale Arbeitsalltag in einem Architekturbüro meistens monoton ist, ist bei mir jeder Tag und jede Woche anders.

Im Architektenbüro sitzt man meist den ganzen Tag vor dem Rechner. Im Gegensatz dazu habe ich sehr viele Außer-Haus-Termine und ich arbeite an unterschiedlichen Orten, wie es gerade passt: mal hier im Coworking-Space, mal zu Hause, mal arbeite ich auf der Baustelle. Auf der Baustelle bin ich viel – mindestens dreimal pro Woche; auch manchmal ganze Vormittage und Dienstreisen kommen auch noch dazu.

Ich habe keinen primären Arbeitsplatz, kann im Grunde genommen von überall aus arbeiten und bin wesentlich selbstbestimmter als der klassische Angestellte in einem Büro.

Ein weiterer großer Unterschied meiner Arbeit zu der eines Architekten in einem Architektenbüro ist der Kontakt mit Menschen. Während es in den meisten Architektenbüros eine Wettbewerbsabteilung und eine Ausführungsabteilung gibt, bin ich eng verknüpft mit allen Personen, die zum Gelingen des Projektes wichtig sind: dem Bauleiter, den Elektrikern und Handwerkern meiner Firma usw. und mit diesen Menschen kommuniziere ich direkt und ich sage ihnen, was sie zu machen haben.

Du sagtest gerade: Du bist selbstbestimmter als ein normaler Architekt. Wie meinst Du das?

Das heißt, ich kann entscheiden, wie ich meinen Tag gestalte. Ich muss nicht 8 Stunden oder länger in einem Büro meine Arbeitszeit absitzen. Für mich wäre das Lebenszeitverschwendung… Stattdessen teile ich meinen Tag so ein, wie ich am besten arbeiten kann.

Habe ich einen guten Tag mit vielen kreativen und produktiven Ideen, arbeite ich länger. Habe ich keinen kreativen Tag widme ich mich den unkreativen Seiten meiner Arbeit: dem „Klickern“, E-Mail schreiben, telefonieren und ein paar Programme bedienen. Ich kann aber auch sagen: hey, heute passiert nicht viel, also gehe ich lieber eher nach Hause. Diese Freiheiten besitze ich.

Klingt gut! An was arbeitest Du gerade?

Ich arbeite gerade an einer sehr aufwendigen Sanierung.

Warum aufwendig?

Weil der Planungsprozess anders herum aufgezogen ist. Normalerweise ist es so: man macht einen Entwurf, dann plant man das durch – so soll die Wand sein, dort sollen die Steckdosen sein, so hoch die Decke, das ist die Farbe, so die Oberflächen, hier kommen Einbaumöbel hin, oder kommen keine hin, da muss Wasser- und Abwasser hin usw.!

Hier ist es anders. Die Sanierung hatte schon angefangen, bevor ich dazu kam. Es gab zwar eine grobe Vorplanung, aber keine Einzelheiten. Die habe ich erst geliefert. Da die Arbeiten aber schon begonnen haben, entscheide ich nun jeden Tag, was die Handwerker schon machen können, ohne dass mir eventuelle Planungsfreiheiten in der Zukunft flöten gehen. Da ich erst später zu dem Objekt und zum Projekt dazu kam, arbeite ich eigentlich konstant ein halbes Jahr hinterher. Ich mache also A) Schadensbegrenzung und B) versuche ich, aufzuräumen und irgendwie daraus einen schlankeren Arbeitsprozess zu machen und habe C) trotzdem noch meine Hand auf gestalterische Entscheidungen.

Während der normale Architekt also einen bestimmten Teil des Projektes bearbeitet, managest Du das ganze Projekt. Das klingt unheimlich komplex. Du musst ja dabei an so viele Dinge gleichzeitig denken und diese managen. Spannend…

Gibt es an Deinem Job auch negative Seiten?

Natürlich! Negative Seiten… die sind eigentlich in meinen Job wie auch in einem typischen Architektenbüro gleich:

Zum einen ist es eine Männerdomäne. Sowohl Bauherren, Ingenieure als auch Handwerker usw. sind meistens Männer. Da braucht es als Frau manchmal ganz schön Durchsetzungskraft und natürlich auch Geduld. Denn es herrschen hier oft noch Sexismus und Frauen-Männer-Klischees. Diese aufzubrechen und von sich zu überzeugen, kann dauern. Da muss man taff sein.

Zum anderen ist es ein sehr stressiger Job. Man arbeitet ständig mit Deadlines, heißt, die Zeit sitzt einem im Nacken. Wenn man also mit dem Arbeiten unter Druck Probleme hat, sollte man wirklich kein Architekt werden.

Naja und die Bezahlung ist auch nicht so rosig. Das ändert sich erst, wenn man Projektleiter oder Geschäftsführer eines Architekturbüros wird, und das ist dann natürlich mit unheimlich viel Verantwortung verbunden.

Danke, Esther für den Einblick in Deinen Beruf! Es war echt interessant und zeigt wieder, dass selbst die klassischen Berufe in ihrer Ausübung sehr unterschiedlich sein können. Danke!

Abschließend, Deine letzten drei Worte?

Ich wähle mir da drei Sprüche:

Zuallererst: „Von nüscht kommt nüscht“ – Eine Schriftstellerin hat mal etwas sinngemäßes gesagt: „Man kann nur eine gute Seite Text produzieren, wenn man vorher eine schlechte Seite produziert hat.“ Und so ist das auch in der Architektur. Man muss einfach anfangen, was zu machen. Es muss nicht alles gleich perfekt sein. Perfektionismus ist, meiner Meinung nach, sowieso kein guter Ratgeber, er lähmt eher noch.

Zweiter Spruch: „Zeit lassen“ – generell mit dem Leben. Ich würde raten, lieber später zu studieren, als früher und sich erst mal die Welt anzugucken. Nicht mit 18 oder 19 gleich studieren, sondern mit 20 oder 21.

Dritter Spruch: „Das, was man studiert, muss man nicht werden.“ Obwohl viele denken, man entscheidet sich für einen Lebensweg und verfolgt den dann 40 Jahre lang. Das stimmt so ja nicht. Egal, was man macht, alles führt irgendwohin, man weiß nur vorher nicht wohin.

Und deswegen ist es gut, in sich hineinzuhören und sich Zeit zu geben, um herauszufinden, was man eigentlich machen will – und das auch immer wieder während seines Berufsweges zu überdenken.

Über den Autor

Der Autor hat keine Informationen über sich veröffentlicht

Wie ist deine Meinung dazu?

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.